Tabula rasa in Ägypten

der Wochenrückblick – 3 unterschiedliche Geschichten

Abriss aller Cafés und Coffee-Shops an der Corniche der Westbank

Am Mittwoch, den 24.05.2017 ging für viele Restaurants- und Coffee-Shop-Besitzer die Welt unter.

Als ich um 17 Uhr meine Wohnung verließ und zur Corniche kam, traute ich meinen Augen kaum. Das neue Restaurant, welches vielleicht seit 2 Monaten existierte und wo sie in den letzten Tag noch etwas aufgehübscht haben, war total zerstört. Ein Holzhäuschen lag umgekippt auf der Seite, Bäume waren entwurzelt, Zäune und Überdachungen herausgerissen und das gemauerte Häuschen eingerissen. Es sah aus, als wäre ein Orkan durch die Straßen gefegt und als ich nach links guckte, traute ich noch weniger meinen Augen.  Dort sah es nicht besser aus. Die Besitzer versuchten aus den Trümmern zu retten, was noch zu retten war.

Was war passiert? Der Staat schlug zurück und ließ alle illegal errichteten Buden mit einem Bulldozer plattwalzen. Schlimm für die Leute, die versuchten, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, weil sie vom Staat keine Hilfe zu erwarten hatten. Okay, es ist sicherlich nicht richtig, wenn man diese Stände auf Regierungsboden ohne Genehmigung errichtete, aber sie gehörten zum Flair der Westbank. Wer saß nicht gerne in einem der Restaurants oder Cafés direkt am Ufer des Nils? Ich bin zumindest dort immer gerne essen gegangen oder habe etwas im großen Coffee-Shop „alf leila wa leila“ an der Straße getrunken, der auch plattgemacht wurde. Auch dieser Coffee Shop hat gerade erst viel in sein Geschäft investiert und ein neues Dach installiert usw.

Immer noch total schockiert und mit Tränen in den Augen ging ich in Richtung Banana Island, wo sich die Zerstörung fortsetzte.

Alles, was sich auf der linken Seite von der Straße befand, wurde von den Bulldozern niedergewalzt. Als ich an einem kleinen Haus vorbeikam, stieß ich auf einem großen Menschenpulk. Ich glaube, so viele Leute auf einem Haufen habe ich in der ganzen Zeit dort noch nie gesehen. Dann konnte ich auch schon ein Großaufgebot an Polizisten und Soldaten sehen. Alle mit schusssicheren Westen, entweder mit Schlagstöcken und Schutzschilder oder mit Maschinenpistolen. Nicht wirklich angenehm da durch zu laufen, da ich die Situation auch nicht gut einschätzen konnte. Aber, da ich eine Verabredung hatte und ich auf einem anderen Weg nicht dorthin kam, ging ich weiter. Wenn ich dort nicht hätte gehen dürfen, dann hätte mich bestimmt jemand angehalten. Also setzte ich meinen Weg fort und kam an einem Haus vorbei, welches wie ein Schiff gebaut wurde. Dort waren sie gerade dabei, dieses abzureißen und dort waren auch die meisten Menschen zu sehen. Sie standen oder saßen gegenüber und guckten sich das Schauspiel an, teilweise Shisha rauchend auf Stühlen, was mit total erschüttert hat. Wie kann man bei dieser Zerstörung sich einfach gemütlich hinsetzen und zusehen. Ich fand das einfach grausam, wie die Leute á la ARD und ZDF in der ersten Reihe sitzen wollten, um zuzugucken, wie andere ihr Hab und Gut verloren.  Ich ging jedenfalls zügig daran vorbei.

Wenige Meter hinter diesem Haus, befand sich auf der linken Seite der Straße ein Supermarkt. Mit dem Besitzer habe ich jeden Tag auf meiner Runde ein paar Sätze gewechselt. Er saß auch heute wieder vor seinem Supermarkt, was ich im Nachhinein nicht verstehen kann. Als ich nämlich 2,5 Stunden später wieder auf dem Rückweg nach Hause war, war der Menschenpulk in Höhe des Supermarkes, ebenso Millitär und Polizei. Die Hälfte des Supermarktes war bereits eingerissen und ein paar Männer retteten ein Metalltor aus den Trümmern, als der Bulldozer ein weiteres Mal in das Haus fuhr, dies war meine Chance, um an dem Gefährt kopfschüttelnd vorbeizukommen. Ich wollte nur noch nach Hause.

Am nächsten Tag um 12 Uhr setzte sich der Zerstörungstross wieder in Bewegung. Sie machten tabula rasa auf der Westbank. Alles, was ohne Genehmigung errichtet wurde, sollte eingerissen werden und dies vor dem bevorstehenden Ramadan. Eine Moschee, die auch auf der linken Straßenseite stand, sollte eingerissen werden, aber die haben sie bis heute verschont. Allerdings wurden auf der rechten Seite der Straße 3 Gebäude eingerissen. Einfach nur traurig. Auch zwischen den Häusern müssen einige Gebäude geschasst worden sein, dies habe ich jedoch nicht gesehen, da es nicht auf meiner Marschroute lag.

 

Der Lügenbaron in der Bank

Es war mal wieder so weit und ich benötigte Geld von der Bank. Damit der Transfer schneller vonstatten geht, habe ich dieses Mal das Geld nicht auf das Konto meines Mannes überwiesen, was ca. 1 Woche dauert, sondern – ähnlich wie bei Western Union – das Geld direkt zur Bank geschickt unter Verwendung seines Namens. Ich bekam von der auszuführenden Organisation auch direkt einen Beleg und eine Transaktionsnummer.  Da wir ja wissen, dass die Mühlen bekanntlich in Ägypten langsamer mahlen, haben wir einen Tag gewartet und sind dann erst wieder zur Eastbank herübergeschippert, um mein Geld in Empfang zu nehmen.

Das Procedere bei der Bank hatte ich ja bereits vor einiger Zeit hier beschrieben. Mit einer Touristin an der Seite, darf Ägypter sich vordrängeln.  Dieses Mal wählte mein Mann einen anderen Schalter, wir gingen nicht zu dem uns bereits bekannten Angestellten. Dann wäre es sicherlich auch nicht so spaßig geworden.

Wir trugen dem Schalterbeamten unser Anliegen vor und hielten ihm das Handy mit der Transaktionsnummer unter die Nase und das Verhör begann. Was der Mensch alles wissen wollte, ob wir verheiratet wären, wer das Geld geschickt hätte, in welcher Höhe etc. pp. Was das alles mit der Auszahlung unseres Geldes zu tun haben sollte, entzog sich meiner Kenntnis.

Normalerweise läuft es so, dass man mit der Transaktionsnummer und seiner ID-Karte (gleichzusetzen mit unserem Personalausweis) das Geld ausgezahlt bekommt. Wer, wann, warum und weshalb Geld schickt, geht niemanden etwas an. Nun wollte er auch von mir einen Nachweis sehen, dass ich das Geld geschickt hatte. Geht ihn zwar auch nichts an, aber damit es schneller ging, hielt ich ihm  mein Handy unter die Nase und zeigte ihm, dass ich das Geld am Tag zuvor auf den Weg geschickt hatte. Daraufhin sollte mein Mann einen Auszahlungsbeleg unterzeichnen. Gutes Zeichen, dann sollte das Geld ja da sein und nun legte unser Lügenbaron los:

  1. Das Geld wäre noch nicht da. Auf meinen Einwand, dass dies nicht sein könne, da bei einem Cashtransfer das Geld nahezu von einer Minute auf die andere transferiert werden würde und von daher müsse das Geld bereits in Ägypten angekommen sein. Er klärte mich auf, dass dies bis zu 5 Tagen dauern würde. So ein Quatsch. Dies sagte ich ihm auch ins Gesicht. Dies mag bei einer Überweisung der Fall sein, aber nicht bei einem Cashtransfer. Ich versuchte ihn das ganze mit einem Beispiel zu erklären: Wenn ich – aus welchen Gründen auch immer – mal ins Gefängnis käme und ich bräuchte eine Kaution, um entlassen zu werden und überweise cash Geld, dann kann es doch nicht sein, dass ich darauf eine ganze Bankwoche warten müsse, deshalb gibt es u.a. diesen Cashtransfer, damit man schneller aus dem Gefängnis kommt. Er guckte mich an wie ein Auto, nur nicht ganz so schnell. Okay, dann versuchen wir es auf eine andere Art und Weise und erklärte ihm das Procedere anhand von Western Union und er fragte, ob ich das Geld mit Western Union geschickt hätte. Nein, hatte ich nicht, dies war ja auch nur ein Beispiel. Bei dem Mann war Hopfen und Malz verloren und ich bat ihn, doch einfach mal in seinen Computer nach der Transfernummer zu gucken. Das kann doch nicht so schwer sein. Dann kam Geschichte Nr. 2:
  2. Ich hätte das Geld auf das Konto meines Mannes überwiesen. Nein, hatte ich nicht, ich habe einen Cashtransfer vorgenommen, damit es doch schneller geht. Aber egal, wenn das Geld auf das Konto meines Mannes gelandet sein sollte, dann her damit; Hauptsache wir bekommen unser Geld. Der Mann hackte weiter auf seinem Computer herum und mittlerweile standen wir bestimmt schon 20 Minuten vor ihm.  Die Geschichte Nr. 3 ist im Anmarsch:
  3. Wir hielten ihm das Handy mit der Transaktionsnummer erneut unter die Nase und er gab sie wieder in seinen Computer ein und sagte, ja, das Geld wäre da, wir hätten es aber schon ausgezahlt bekommen!?!?!?!?!? Ich glaube, mein Schwein pfeift. Es hätte nicht mehr viel gefehlt und ich wäre ihm über den Tresen gehüft. Tief durchatmen war angesagt und ich versucht ihm zu erklären, dass wir das Geld bisher noch nicht abgeholt hätten, sonst würden wir jetzt nicht vor ihm stehen. Da wurde er langsam hektisch und sprang auf und ging wer-weiß-wohin.  Als er wieder zurückkam, kam Story 4:
  4. Er könne nicht sehen, ob das Geld eingegangen wäre, weil keine Internetverbindung zur Hauptbank in Kairo bestehe, er würde uns aber, wenn das Internet wieder funktionieren würde, anrufen.

Mein Mann war schon im Begriff zu gehen, als ich ihn aufforderte, seinen unterschriebenen Auszahlungsbeleg zurückzufordern, da wir ja kein Geld bekommen hätten. Er dreht sich wieder rum und verklickerte dies dem Schalterbeamten, der schwuppdiwupp anfing zu glühen, wie ein Kohleofen. Na, hatten wir ihn ertappt? Mit dem Auszahlungsbeleg hätte er ja in der Tat sagen können, dass wir das Geld bekommen hätten. Dumm gelaufen für ihn und er zerriss den Beleg vor unseren Augen.

Ungefähr eine Stunde später rief der Schalterbeamte an und teilte meinem Mann mit, dass die Transaktion storniert worden wäre. Aha, jetzt war angeblich alles storniert worden; ich bin es nicht gewesen, aber ich habe mich direkt mit der Firma in England, die den Transfer für mich getätigt hat, in Verbindung gesetzt. Recht zügig bekam ich eine Antwort, dass die Firma die Transaktion auch nicht storniert hätte; sie würden Kontakt mit ihren Leuten vor Ort aufnehmen.

Eine Stunde später kam dann die nächste E-Mail, dass die Transaktion – keiner konnte sagen warum – jetzt storniert worden sei.

 

Familie Flodder

Leider kann man es sich nicht immer aussuchen, mit wem man zusammen unter einem Dach wohnen muss. Mich hat nun die Familie Flodder heimgesucht.

In unserem Hof befindet sich ein kleiner Swimmingpool. Um den Swimmingpool herum befindet sich eine kalksteinverklinkerte Mauer,  Liegestühle und Sitzgruppen.

Bereits am ersten Tag ging Vater Flodder mit guten Beispiel voran und vollführte eine Arschbombe nach der anderen, so dass am Ende zentimeter hoch das Wasser um den Pool herum stand, was nicht ganz so schlimm war, obwohl es keine Möglichkeit zum Ablaufen hatte, allerdings wurde dadurch auch die Mauer komplett mit Wasser getränkt, so dass ein großes Stück eines Sandsteinziegelsteins abbrach. Sandstein und Wasser verträgt sich bekanntlich nicht sehr gut, aber dies war Vater Flodder egal. Die nächsten Tage nervte er immer mehr die Leute, insbesondere hatte er hohe Erwartungen an eine Ferienwohnung. So sollte Fliegengitter ans Küchenfenster angebracht werden (die anderen Zimmer hatte gerade bei einer Totalsanierung eingebaute Fliegengittertüren bekommen), ein Internetanschluss sollte verlegt werden und selbstverständlich brauchte er auch Sat-TV. Die Wäsche der Familie Flodder sollte auch niemand sehen, deshalb brauchte er auch noch einen Wäscheständer, um seine Wäsche in der Wohnung zu trocknen.

An einem sonnigen Nachmittag wollte ich dann den Poolbereich mit meinem e-book genießen. Die Kinder der Familie Flodder kamen schließlich auch und plantschten ein wenig im Pool herum, was völlig okay war. Dann kam Vater Flodder aus seinem Bau, ging kurz unter die Dusche und sprang direkt vor mit einer Arschbombe ins Wasser, so dass ich von oben bis unten klatschnass wurde. Ich fragte ihn, ob es ihm gutgehen würde und er antwortete mit einem dermaßen gehässigen Ton: „Ups, dies kann passieren, wenn Du am Pool liegst.“ Daran konnte man schon sehen, dass er mit voller Absicht ins Wasser gesprungen ist und wie Du? Ich lasse mich doch nicht von jedem dahergekommenen Pimpf duzen. Also bekam er von mir die Ansage, dass ich mich von ihm nicht duzen lassen würde; für ihn immer noch Sie. Es kamen noch ein paar blöde Entgegnungen und ich packte meine 7 Sachen zusammen und wollte zur Sonnenterrasse gehe und sagte im Vorbeigehen, dass ihm ein bisschen mehr Benehmen guttun würde. Auf das, was er mir noch alles hinterher gebrüllt hat, habe ich nicht geachtet.

Ungefähr eine halbe Stunde später kam Vater Flodder zu mir auf´s Dach und baute sich vor mir auf und verlangte, dass ich sofort die Videos und Fotos von ihm und seiner Familie, die ich von oben gemacht hätte, zu löschen hätte. Ja, nee, is klar. Ich habe Videos und Fotos von Familie Flodder gemacht. Habe ich natürlich nicht, was ich ihm auch sagte und im Übrigen habe ich mir wiederum mehrfach verbeten, dass er mich duzt. Schien ihn nicht zu interessieren, er duzte einfach weiter. Dann drohte er mir sogar eine Klage an, weil ich ihn und seine Gören aufgenommen hätte, daraufhin zückte ich mein Handy, rief die Galerie auf und zeigte ihm, dass in der Galerie NICHT 1 Bild und NICHT 1 Video von ihm gespeichert war. Er blubberte immer noch vor sich hin, er hätte gesehen, dass ich gefilmt hätte. Wenn ich das getan hätte, dann hätte ja was in der Galerie sein müssen, war aber nichts. Vater Flodder sollte man dringend zum Arzt gehen, vielleicht besteht noch Rettung. Da mir das langsam echt zu doof mit ihm wurde, packte ich wieder meine Klamotten und stiefelte die 3 Etagen  nach unten, während er immer noch mit seinen Drohungen beschäftigt war. Er bekam nur ein „ich sehe einer Klage gelassen entgegen“ von mir zu hören und Mr. Großkotz oder vielleicht heißt er auch Mr. Neureich meinte hinterher schicken zu müssen, dass ich seine Anwälte noch nicht kennen würde.  Mir schlottern doch jetzt glatt die Knie.

Text und Fotos Andrea Vinkenflügel

 

6 Antworten auf „Tabula rasa in Ägypten“

    1. vielen Dank Ute, es freut mich, dass Dir meine Berichte gefallen. Werde mich bemühen, Dich weiterhin am Leben in Ägypten teilhaben zu lassen 🙂

  1. Huhu. Jetzt musste ich auch kurz meine Arbeit unterbrechen, um Deine Berichte zu lesen. Du schreibst richtig gut.
    Ach ich wäre zu gerne bei Mr. Flodder dabei gewesen. Ich steh nämlich auf „gleiches Recht für Alle“.

    1. Mr. Flodder kann froh sein, dass ich – im Gegensatz zu ihm – eine gute Erziehung genossen haben, andernfalls hätte ich seine jüngste Göre mal kurz ins Wasser geworfen und hätte dann auch ganz süffisant kommentiert: „ups, dies kann passieren, wenn man in der Nähe des Pools steht.“ Mr. Arrogant hat sich sogar beim Vermieter beschwert, dass ich Fotos/Videos von ihm und seinen Kindern gemacht hätte und dies, obwohl er sich mit eigenen Augen zuvor bereits vergewissern konnte, dass weder Fotos noch Videos auf meinem Handy waren. Wahrscheinlich leidet er an Verfolgungswahn und sollte mal dringend psychologische Hilfe in Anspruch nehmen. Mein Mann wollte mir schon zu Hilfe eilen, aber ich habe ihm gesagt, dass der Typ es nicht wert wäre, sich die Finger an ihm schmutzig zu machen.

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